Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal von Anja Kerkow und ihrem Herzensthema „Natürliches schwimmen lernen“ gelesen habe, war ich sofort sehr neugierig und fasziniert. Ich selbst habe, wie so einige, unangenehme Erinnerungen an den Schwimmunterricht zu meiner Schulzeit. Wie schön ist da der Gedanke, Kinder ganz natürlich und selbstbestimmt das Element Wasser entdecken zu lassen, bis sie ganz von sich aus lernen, sich darin so zu bewegen, dass sie schwimmen. Ich freue mich sehr, dass Anja zugesagt hat, meine Fragen zum schwimmen lernen für euch in Form eines Gastartikels zu beantworten. Außerdem gibt Anja hilfreiche Tipps für den nächsten Besuch am Baggersee oder im Schwimmbad und erklärt, warum Schwimmhilfen gefährlich sind.

schwimmen lernen mit Freude
Foto © Copyright: Anja Kerkow

Gastartikel von Anja Kerkow

Ich heiße Anja Kerkow und lebe mit meinen Kindern in einem 400 Seelen-Dorf im Hohen Fläming in Brandenburg. In bin Motopädagogin, Schwimmlehrerin und in Ausbildung zur Pikler-Pädagogin. 2003 habe ich in Berlin mein Herzensprojekt die Schwimmschule ROCHENKINDER gegründet und begleite seitdem Woche für Woche Kinder und ihre Eltern achtsam auf ihrem Weg beim Schwimmenlernen. Ich liebe die Natur, meinen Garten und begleite in den Ferien Kinder und Jugendliche in Wildniscamps. www.rochenkinder.de

Was bedeutet für dich natürliches Schwimmen?

Wenn du an einen Schwimmkurs denkst, kommt dir da auch als erstes Brustschwimmen in den Sinn? Natürliches Schwimmen lernen ist anders.

Dein Kind darf sich als selbstbestimmt Lernender erleben und muss nicht stur die Bewegungsanweisungen eines Schwimmlehrers befolgen. Dein Kind wird nicht durch eine vorgegebene Übung wie in eine Schablone gepresst, sondern darf aktiv gestalten und seine Grenzen ausloten. Es überlegt selbst, womit es sich beschäftigen oder was es wagen möchte.

Ãœber die Freude an der freien Bewegung entsteht eine bleibende Motivation, sich mit dem Wasser auseinanderzusetzen. Spielend erforscht dein Kind das Wasser und macht immer wieder neue Erfahrungen mit dem eigenen Körper. Du wirst von der Bewegungsvielfalt und den individuellen Strategien deines Kindes überrascht sein. 

Eins mit dem Element gleiten die Kinder geschmeidig durch das Wasser.
Es ist beeindruckend wie frei, unbeschwert und spielend leicht sie sich fortbewegen und schwimmen.
Diese Vertrautheit mit dem Wasser ist der Schlüssel für die große Wassersicherheit der Kinder.

Wie lernen Kinder mit Freude schwimmen?

Wenn ich darüber spreche, was ich mache, höre ich von vielen Menschen Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit. Das Schwimmenlernen gehört oft nicht zu ihren schönsten Kindheitserinnerungen. Auch nach vielen Jahren können sie noch sehr detailreich beschreiben, was sie dort erlebt haben. Häufig bleibt etwas Unangenehmes, manchmal sogar Angst vor dem Wasser zurück.  Angst, die nicht selten ein Leben lang anhält. Diese Menschen fühlen sich im Wasser nicht wohl, sind unsicher und versuchen, den Kontakt mit Wasser so gut es geht zu vermeiden.

Wenn dann irgendwann das Schwimmenlernen der eigenen Kinder ansteht, machen sich einige dieser Eltern nochmal selbst auf den Weg, um sich dem Wasser wieder anzunähern und es neu kennenzulernen.

Mit Freude schwimmen lernen: das hat nichts zu tun mit lustigen Sprüchen, gut gemeinten Ablenkungsversuchen oder listigen Tricks des Schwimmlehrers, um das Kind zum Absolvieren von Schwimmübungen zu motivieren.

Aktiv die eigene Entwicklung im Wasser zu gestalten, Akteur eines selbstbestimmten Weges zum Schwimmen lernen zu sein: es sind die selbst gestellten Aufgaben und ihre Bewältigung, die für Begeisterung sorgen. Bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen.

Was ist die Besonderheit an ROCHENKINDER Schwimmkursen? 

Die Kinder bewegen sich selbstverständlich und frei im Wasser, als ob sie darin aufgewachsen wären. Sie entscheiden selbst, mit welchen Themen sie sich beschäftigen wollen. Es gibt keine Bewegungsanleitungen zum Schwimmenlernen und keine vorgegebenen Übungen.

Ich weiß. Jetzt fragst du dich, ob das überhaupt gehen kann.

Ich versichere dir: seit knapp 20 Jahren begleite ich Kinder und ihre Eltern als Schwimmlehrerin im Wasser. Jede Woche bin ich Augenzeuge, welche ungeahnten Fähigkeiten in Kindern stecken, wenn sie ihren eigenen Interessen nachgehen und aktiv ihre Entwicklungsschritte erleben und gestalten dürfen. 

Die Kinder gleiten, tauchen, rollen und schwimmen vertraut mit dem Wasser durchs Becken, statt unsicher die komplizierten Bewegungsabläufe beim Brustschwimmen zu üben.
Jedes Kind bekommt die Zeit, die es für die verschieden Etappen auf seinem Weg zum sicheren Schwimmer braucht. Niemand drängt, motiviert oder überredet das Kind, den nächsten Schritt zu probieren. Das klingt jetzt sehr simpel, ist aber für viele Eltern eine echte Herausforderung.
“Ein Spielplatz im Wasser”: So hat eine Mutter aus meinen  Gruppen die ROCHENKINDER beschrieben.

Freies Spielen ist ein Geschenk für unsere Kinder und nicht nur bloßer Zeitvertreib oder die Belohnung dafür, “ordentlich” das Schwimmen geübt zu haben. Beim Spielen sammelt dein Kind wichtige Erfahrungen, die für sicheres Schwimmenlernen unbedingt notwendig sind.
Es beobachtet und nimmt wahr, stellt sich Fragen, wägt ab, probiert aus, verändert und wiederholt. 

Nehmen wir mal das Tauchen. Dein Kind muss sich nicht nach den Vorgaben eines Schwimmlehrers richten, der die Anleitung dafür gibt, wie der Ring am besten aus dem Wasser zu fischen sei. Es darf selbst entscheiden, wann es für diese Aufgabenstellung überhaupt bereit ist und wie es dieses Thema angehen möchte. Du ahnst nicht, wie viele Möglichkeiten es dafür gibt!
Schritt für Schritt erlangt es so immer mehr Sicherheit im Wasser.
Damit sich dein Kind wohl und sicher fühlt, bist du als Mama oder Papa mit im Wasser. Um sich auf dieses Abenteuer einlassen zu können, braucht dein Kind Sicherheit, die du ihm als vertraute Person gibst.

Bei vielen anderen Schwimmkursen nehmen die Kinder ab vier Jahren ohne Eltern teil. Davon halte ich nicht viel. Ich kann dich nur bestärken:  Sei dabei, wenn sich dein Kind mit dem Wasser vertraut macht. Während dieser besonderen Zeit gibt es so viele wunderbare Momente zu teilen.
Viele Eltern aus meinen Gruppen wollen, selbst wenn sie anfangs skeptisch waren, diese gemeinsame Zeit nicht mehr missen. Komm mit ins Wasser!

Warum Schwimmhilfen nicht hilfreich sondern gefährlich sind

Schwimmhilfen verleiten zu verhängnisvollen Fehleinschätzungen. Sie vermitteln dir und deinem Kind ein falsches Sicherheitsgefühl und verführen zu Unachtsamkeit.
Das ist sehr gefährlich. Immer wieder sehe ich in unserem kleinen Freibad im Dorf Kinder mit Schwimmflügeln im Wasser spielen. Weit und breit ist kein Erwachsener zu sehen. Die Eltern vertrauen das Leben ihres Kindes den Plastikflügeln an.

Selbst wenn du immer direkt dabei sein solltest: mit Schwimmflügeln kann dein Kind nicht unterscheiden, was es schon selbst kann. Oder nur deshalb, weil es gerade Schwimmflügel trägt.  

Oft habe ich Kinder aus dem Wasser gerettet, die auf einmal ohne Schwimmflügel ins Wasser gesprungen sind, obwohl sie es gewohnt waren, immer welche zu tragen. Sie hatten überhaupt kein Bewusstsein dafür, dass es die Schwimmflügel waren, die sie bisher an der Wasseroberfläche gehalten hatten. 

In meinen Kursen bieten wir den Kindern keine Auftriebshilfen an. So lernen sie, ihre eigenen Fähigkeiten einzuschätzen und gut für sich zu sorgen. 
Natürlich dürfen die Eltern ihre Kinder am und im Wasser nicht aus den Augen lassen und müssen bei Nichtschwimmern immer griffbereit in der Nähe sein. 
Aber das gilt ja auch, wenn die Kinder Schwimmflügel tragen, insofern ändert sich nichts!

Welche Tipps hast du für Eltern beim Baggersee/Freibadbesuch, was die Sicherheit angeht?

Der wichtigste Appell lautet: Lass dein Kind nicht aus den Augen und bleib bei Kindern, die noch nicht schwimmen können, in Reichweite! Sei zu jeder Zeit aufmerksam. Schon eine kurze Ablenkung oder ein Blick aufs Handy können gefährlich für dein Kind werden.

Und: Verlass dich nicht auf andere. Mit Freunden gemeinsam an den See zu fahren macht Spaß. Es klingt gut und ist verlockend: Jeder schaut mal nach den Kindern.

Aus eigener Erfahrung kann ich dir aber sagen: das klappt einfach nicht. Weißt du, wie viele Kinder deine Freundin gleichzeitig beaufsichtigen kann? Kann sie die Fähigkeiten deines Kindes einschätzen und im richtigen Moment eingreifen?

Da sind wir schon beim nächsten Punkt: Vielleicht hat dein Kind gerade das Seepferdchen-Abzeichen geschafft und du freust dich, dass du jetzt nicht mehr so aufpassen musst? 

Da muss ich dich enttäuschen, denn mit dem Absolvieren der Seepferdchen-Prüfung ist dein Kind nicht automatisch ein sicherer Schwimmer. Obwohl in diesem Jahr die Prüfungsbedingungen für die Schwimmabzeichen verschärft wurden, hat das Seepferdchen noch nichts mit Wassersicherheit zu tun. Verlass dich bitte nicht auf Abzeichen!

Wenn du noch mehr darüber erfahren möchtest, wie du für die Sicherheit deines Kindes mit, am und im Wasser sorgen kannst, lies meinen Artikel Sicherheit im Wasser – diese 13 Punkte retten Kinderleben!

Wie bist du auf die Idee gekommen, ROCHENKINDER Schwimmkurse zu entwickeln und anzubieten? 

Noch während ich in meiner Jugend aktive Wettkämpfe und Meisterschaften geschwommen bin, habe ich begonnen in meinem Schwimmverein Kindern das Schwimmen beizubringen. Damals machte ich das so, wie es alle machten: Brustarmzug, Froschbeine, erst mit Schwimmbrettern oder -gürteln, später ohne. Eines irritierte mich: Es gab Kinder, die Angst hatten. Manche weinten sogar. 

Ich selbst hatte schon mit drei Jahren schwimmen gelernt und das Wasser seitdem immer mit Freude verbunden. 

Also begann ich mir Fragen zu stellen: 
Was brauchen Kinder, um mit Freude sicher schwimmen zu lernen? 
Welche Umgebung ist nötig? 
Wie kann ich sie auf dem Weg begleiten?

Während der vielen Stunden mit den Kindern im Wasser wurde mir klar, was die Kinder tatsächlich brauchen um ohne Angst und Druck schwimmen zu lernen und welch große Rolle Beziehung beim Lernen spielt. 

Meine Erkenntnis: Kein Kind muss einen klassischen Schwimmkurs besuchen oder Dinge tun, zu denen es noch nicht bereit ist, damit es sicher Schwimmen lernt. 

Von den Kindern und Eltern, die ich im Wasser begleiten durfte, habe ich unter anderem gelernt, welchen Rahmen und welche Klarheit es braucht, auf welche Hilfestellungen wir verzichten können und dass ich mir und den Kindern vertrauen kann. 

So habe ich 2003 als Pionierin dieses einzigartige Konzept entwickelt und die Schwimmschule ROCHENKINDER in Berlin gegründet. Woche für Woche werde ich nun Zeuge, welche ungeahnten Fähigkeiten in uns Menschen stecken und wie nachhaltig diese Arbeit ist. Die besonderen Fähigkeiten im Wasser und die Freude der Kinder berühren mich und ihre Eltern immer wieder ganz besonders.

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Wie Kinder mit Freude schwimmen lernen
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Ein Kommentar zu „Wie Kinder mit Freude schwimmen lernen

  • 2020-08-03 um 23:02
    Permalink

    Danke für den tollen Beitrag! Es ist, wie so oft: das gängige System ist nicht immer die passende Lösung. Meine beiden jüngeren Kinder wurden im Wasser geboren und bewegen sich schon immer ganz selbstverständlich darin. Ich trage dazu nicht bei. Sie lieben das Wasser und können bereits jetzt ziemlich gut einschätzen, was ihnen gut tut. Dein Beitrag bestärkt mich darin, sie weiter machen zu lassen. Danke!

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