Unsere Tochter Lavanda ist mit ihren vier Jahren gerade mitten im Trotzalter. Besser gefällt mir allerdings das Wort Autonomiephase. Sie testet ständig ihre eigenen und unsere Grenzen aus. Sie möchte selbst entscheiden, was unternommen wird. Sie will vieles selber machen und ist dann gefrustet wenn es nicht klappt. Bei anderen Dingen fordert sie immer wieder Hilfe, obwohl sie diese schon längst alleine könnte. Es herrscht hier daher gerade viel Konfliktpotential und ich finde es eine wahre Herausforderung die häufig schon absehbaren Wutanfälle zu vermeiden oder zumindest gut zu begleiten, ohne selbst die Nerven dabei zu verlieren.
Eines ist mir jedoch aufgefallen: Es sind immer wieder die gleichen Situationen, in denen das Potential von Wutanfällen oder Meinungsverschiedenheiten am größten ist. Und mit liebevollem Begleiten und kreativen Ideen ist es durchaus möglich, diese Situationen zu entschärfen. In folgendem Artikel möchte ich dir von einigen typischen Wutanfall-Momenten berichten und wie du damit entspannt umgehen kannst.

Übergänge, Situationswechsel, Wutanfälle, Konflikte vermeiden

Kinder sind Gewohnheitstiere

Kleine Kinder haben noch keine genaue Vorstellung von Zeit. Sie leben einfach im Hier und Jetzt und am liebsten unternehmen sie in der gewohnten Umgebung, mit vertrauten Menschen, gewohnte Dinge. Alles was neu und unerwartet ist, verunsichert sie erst einmal.
Wir Erwachsenen haben da natürlich manchmal andere Bedürfnisse und wünschen uns teilweise sogar genau das Gegenteil: Neue Leute und Orte kennenlernen, aufregende Dinge erleben und so weiter.
Wenn der Anruf einer Freundin kommt, ob wir uns spontan draußen treffen, jubeln wir vielleicht, sind froh über die Abwechslung und wollen am liebsten direkt losgehen. Kleine Kinder sind jedoch schnell überfordert, mit einem plötzlichen Aufbruch. Ihr Gehirn ist noch nicht in der Lage auf spontane Änderungen flexibel zu reagieren. Sie wollen vielleicht einfach in Ruhe zu Hause weiterspielen. Und schon stehen wir vor einer neuen Herausforderung, um eine Lösung zu finden, die für uns beide passt.

Übergänge sorgen für Konfliktpotential

Übergänge in eine neue Situation sind häufig Grund für Konfliktpotential. Und solche Situationswechsel gibt es im Laufe des Tages immer wieder. Das fängt an beim Schlafanzug ausziehen, geht weiter mit dem Frühstücken, Hände waschen, Rausgehen, wieder Reingehen, Mittagessen, Mittagschlaf, Unternehmungen, Spielen, Aufräumen, Abendessen bis hin zum Ins Bett gehen. Es geht quasi den ganzen Tag immer wieder darum, eine Aktion zu beenden oder unterbrechen und eine neue Situation anzunehmen. Wenn diese Übergänge unter Zeitdruck stehen, weil man zum Beispiel pünktlich im Kindergarten oder beim Bus sein muss, gestalten sie sich häufig besonders schwierig. Sicher kennst du das: Gerade wenn du es eilig hast und unter Stress stehst, sind Konflikte fast vorprogrammiert. Dann hast du nämlich keine Geduld, um zu warten, während sich dein Kind die Jacke selbst zuknöpft oder sich zehn Minuten lang die Schnürsenkel bindet. Das Kind versteht nicht, warum es so wichtig sein soll, schnell aus dem Haus zu gehen und möchte einfach alles so machen wie immer. Es wird durch die Anspannung schnell quengelig oder weinerlich, was uns dann natürlich noch mehr stresst.

Wenn wir im Hinterkopf haben, dass Übergänge für kleine Kinder eine besondere Herausforderung sind, können wir darauf achten, diese so kinderfreundlich wie möglich zu gestalten. Dafür habe ich hier nun 9 verschiedene Ideen und Tipps zusammengestellt, mit deren Hilfe Situationswechsel liebevoll begleitet und somit für euch alle entspannter werden können.

1. Beziehe dein Kind in die Tagesplanung mit ein

Sprecht morgens beim Frühstück gemeinsam darüber, was am Tag so ansteht.

Je größer die bevorstehende Aktion oder Veränderung ist, desto früher kündige ich sie meinen Kindern an. Wenn wir zum Beispiel für längere Zeit zur Oma oder in den Urlaub fahren, erzähle ich das schon einige Zeit vorher und erwähne es immer wieder. Machen wir einen größeren Tagesausflug, habe ich davon vielleicht schon am Vorabend berichtet. Wenn es nur um Dinge geht wie zur Post gehen, in den Wald, auf den Spielplatz, dann erzähle ich das am Frühstückstisch.

2. Plane immer mehr Zeit ein, als nötig

Wie schon erwähnt, ist das schlimmste, was bei Übergängen passieren kann, dass sie unter Stress geschehen müssen. Daher plane ich immer mehr Zeit ein, als nötig. Zu unserer Bushaltestelle müssen wir ca. fünf Minuten laufen. Ich beginne jedoch schon mindestens eine halbe Stunde vorher mit dem Aufbruch. Allzu oft musste ich im letzten Moment noch eine Windel wechseln, nochmal zurücklaufen, weil irgendwas vergessen wurde, oder auf dem Weg stehenbleiben, weil es etwas spannendes zu beobachten gab. Wenn wir genügen Zeit für den Weg haben, kann Lavanda noch auf dem Mäuerchen balancieren, Blumen pflücken oder wir stehen eben noch eine Weile an der Bushaltestelle und beobachten den Verkehr und die Menschen. Und ich muss nicht ständig zur Eile antreiben oder auf die Uhr schauen.

Wenn ich vorhabe, eine dreiviertel Stunde nach dem Frühstück den Bus zu nehmen, gebe ich meinen Kindern direkt nach dem Essen Bescheid, dass sie sich schon mal zum rausgehen richten sollen. Theoretisch könnte man ja sagen, es ist noch 15 Minuten Zeit zum Spielen, bis wir losmüssen. Aber das Problem ist, dass sie sich dann in ihr Spiel vertiefen und dies meist so schnell nicht wieder unterbrechen wollen.

3. Achte auf Spielpausen, um Übergänge einzuleiten

Generell ist es hilfreich, auf Spielpausen zu achten, um Übergänge einzuleiten. Das heißt, nicht den fixen Zeitpunkt im Kopf zu haben „um 15 Uhr gehen wir raus“ oder „um halb sieben gehen wir ins Bett“, sondern flexibel auf die Spielphasen der Kinder zu reagieren und zu beobachten, wann „Lücken“ entstehen, die den Übergang erleichtern.

Diese Lücken entstehen bei uns zum Beispiel nach einem Toilettengang, wenn der Postbote an der Tür geklingelt hat, nach dem Telefonat mit der Oma, wenn wir von draußen reinkommen… einfach immer dann, wenn das intensive Spiel gerade sowieso ganz natürlich unterbrochen wurde. Dann ist es für unsere Kinder generell leichter, eine neue Idee und Situation anzunehmen. Wenn diese Lücke also gerade um viertel nach sechs entsteht, gehen wir dann schon ins Bad um uns für’s Bett zu richten, statt erst um halb sieben.

4. Lass dir Stress nicht anmerken

Solltet ihr doch einmal in Zeitdruck sein, versuche dir den innerlichen Stress nicht anmerken zu lassen. Kinder reagieren sehr sensibel darauf und vermutlich merken sie es trotzdem ;-). Aber wenn du Hektik verbreitest, geht das häufig nach hinten los. Versuche ruhig zu bleiben. Frage dich, was im schlimmsten Falle passieren wird, wenn ihr nicht pünktlich kommt. (Meistens ist das übrigens gar nicht so ein Weltuntergang, wie du vielleicht im ersten Moment denkst!)

Beziehe dein Kind bei der Entscheidung mit ein, welche Schuhe/Jacke… es anziehen möchte, aber lass ihm nicht zu viele Optionen. Statt „möchtest du deine Schuhe anziehen?“, frage lieber: „Möchtest du die Sandalen oder die Barfußschuhe anziehen?“ (Denn was machst du, wenn dein Kind die erste Frage verneint? Ihr müsst ja trotzdem gehen…)

5. Übergangsobjekte finden

Übergangsobjekte werden in der Krippe Objekte genannt, die für das Kind eine Brückenfunktion zwischen dem Zuhause und der Kita bilden, also zum Beispiel eine vertraute Puppe, die es dem Kind leichter macht, alleine in der Kita zu bleiben oder dort zu schlafen.

Doch auch ohne Kindergarten wirken Übergangsobjekte bei uns manchmal Wunder, wenn die Kinder die aktuelle Situation nicht verlassen wollen.

Das kann zum Beispiel heißen: Einen Gegenstand von drinnen mit nach draußen zu nehmen. Ein Spielzeug mit zum Wickeltisch zu nehmen. Das Besucherkind darf sich etwas von dem Kinderspielzeug ausleihen und mit nach Hause nehmen (erleichtert den Abschied ungemein!!). Ein Buch aussuchen, das noch im Bett gelesen wird. Ein Apfelstückchen, das unterwegs gegessen werden kann. Es gibt bei uns wirklich viele Situationen, in denen so ein Übergangsobjekt alles plötzlich ganz leicht macht.

6. Tschüss sagen und winken

Kleinen Kinder fällt es häufig schwer, Menschen oder Dinge zurückzulassen, wenn es in eine neue Situation geht. Da hilft es häufig, dem Kind die Gelegenheit zu geben, in Ruhe „tschüss“ zu sagen oder zu winken. Das kann bedeuten, die Katze noch einmal zu streicheln und dann „tschüss Katze“ zu sagen. Oder die Großeltern zum Auto zu begleiten und ihnen noch nachzuwinken. Manchmal helfen auch kreative Abschiedsideen.

Einmal waren wir zum Beispiel auf dem Waldspaziergang und machten am Wegesrand eine kleine Pause, sodass Lavanda im Matsch spielen konnte. Sie legte dort ein „Gemüsebeet“ an, steckte Stöcke in den Matsch und spielte fröhlich. Irgendwann wurde Fleur unruhig und ich wollte nach Hause. Nachdem ich das mehrmals angekündigt hatte und schon die ersten Schritte in Richtung unser Haus gegangen war, wollte Lavanda sich immer noch nicht lösen und fand es blöd, dass ich gehen wollte. Sie spürte aber auch meine Dringlichkeit und kam mir dann zögernd und unglücklich hinterher. Da kam mir eine Idee: „Vielleicht musst du deine Pflanzen alle noch einmal gießen, bevor wir gehen?“

Mit strahlenden Augen rannte sie zurück zu ihrem Beet, goss pantomimisch alle Pflanzen und konnte sich danach ohne Probleme und mit wieder guter Laune doch noch von ihrem Beet trennen. Das war so ein schönes Aha-Erlebnis, das mir zeigte, dass es manchmal wirklich gar nicht viel braucht, nur eine Idee und eine winzige Portion mehr Geduld und dann kann der Übergang doch noch für alle friedlich gelöst werden.

7. Situationswechsel ankündigen

Ich habe ja anfangs schon darüber geschrieben, wie du dein Kind in die Tagesplanung einbeziehen kannst. Natürlich ist es auch wichtig, bei den Aktivitäten selbst Situationswechsel vorher anzukündigen. Das kann das typische „noch zwei Mal rutschen…“ auf dem Spielplatz sein, oder wenn du mehr Zeit hast: „Spiel das noch zu Ende, und dann gehen wir.“ Du wirst überrascht sein, wie häufig dein Kind selbst zum Ende kommen kann, wenn es weiß, was danach ansteht und warum ihr gehen müsst. Wichtig ist in jedem Falle das vorherige Ankündigen. Wir selbst haben unseren Zeitplan im Kopf und es ist uns völlig klar, dass wir spätestens in einer halben Stunde gehen werden. Für unser Kind kann das aber völlig überraschend kommen, dass wir nicht vorhaben, den ganzen Nachmittag auf dem Spielplatz zu verbringen. 😉 Daher: Auch wenn du vorhast, deinem Kind bis zuletzt die Spielzeit zu gönnen: Kündige ihm den Übergang schon vorher an.

Größere Kinder können auch schon auf die Uhr schauen und verstehen, dass sie aufhören müssen zu spielen, wenn der große Zeiger oben ist. (Für kleinere Kinder gibt es auch Farbwecker, Sanduhren o.ä.)

8. Wenn dein Kind nicht gehen will…

Bitte auf keinen Fall mit leeren Drohungen anfangen wie „wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich alleine!“ oder „ich zähl bis drei!“ Das Einzige, was du damit erreichst, ist, dass eure Beziehung einen Knacks bekommt.

Wenn dein Kind nicht mitkommen will, ihr aber dringend los müsst, kannst du ihm das ruhig erklären. Am besten kniest du dich zu ihm herunter, begibst dich auf Augenhöhe und sagst so etwas wie: „Ich sehe, dass du nicht mitkommen möchtest. Wir müssen aber gehen, weil…“ oder „Ich verstehe, dass du wütend bist, weil du noch dableiben möchtest. Mir ist es aber wichtig jetzt zu gehen, weil…“ Oder auch: „Ich werde dich jetzt auf den Arm nehmen und zum Bus/Auto tragen. Wir können morgen Nachmittag noch einmal mit mehr Zeit herkommen.“

Wenn dein Kind sich in hektischen Situationen nicht selbst anziehen will, obwohl es das schon alleine kann, hilf ihm einfach dabei. Du brauchst keine Sorge haben, dass du ihm mit 18 noch die Schuhe binden wirst.

Frage dich auch, ob es vielleicht einen bestimmten Grund gibt, warum dein Kind nicht mitkommen möchte. Hat es vielleicht Angst vor einer Situation, die ihm bevor steht?

In ihrem Artikel „Mein Kind trödelt und bummelt ständig und ist sehr langsam“ beschreibt Snowqueen vom Gewünschtesten-Wunschkind-Blog das Phänomen der Schwellenangst. Bei etwas älteren Kindern (ab ca. 4 Jahren) kommt es vor, dass sie neue Dinge oder bevorstehende Situationen erst einmal verweigern, selbst wenn sie eigentlich schön sind. Doch sie schieben das „Überschreiten der Schwelle“ lange vor sich her und suchen Gründe zu trödeln oder Taktiken, die neue Aufgabe zu vermeiden.

9. Rituale entwickeln

Auch wiederkehrende Rituale können den Kindern Übergänge erleichtern, weil sie Sicherheit vermitteln.

So könnte zum Beispiel eine Handpuppe den abendlichen Gang ins Badezimmer ankündigen. Oder kennt ihr das Buch „Gute Nacht Karlchen?“ Hier ist es der „Pantoffelexpress“ des Vaters, der Karlchen jeden Abend mit auf die Reise ins Badezimmer nimmt, mit anschließender Endstation Bett.

Oder eine bestimmte Musik beginnt zu spielen, wenn es Zeit wird, aufzuräumen?

Es kann auch ein Ritual sein, nach dem Spielplatz immer noch beim Ententeich vorbeizuschauen. Oder vor dem Reingehen den Wichteln im Beet noch etwas zu essen hinzulegen (Gras, Stöckchen…). Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Hauptsache alle verbinden positive Emotionen mit dem Ritual.

Fazit

Das waren nun einige meiner Ideen, um Übergänge entspannt und liebevoll zu begleiten und sie damit Kindern einfacher zu machen. Das wichtigste dabei ist jedoch, dass du überhaupt erst einmal ein Bewusstsein dafür entwickelst, welche Auswirkungen Übergänge bei deinem Kind haben. Beobachte, reflektiere und versuche herauszufinden, wann und welche Situationswechsel dein Kind dazu bringen, wütend zu werden. Wann geratet ihr in Konflikte? Bei welchen Übergängen kooperiert dein Kind? Wie hast du dich verhalten und den Übergang angekündigt, wenn alles glatt läuft?

Viel Spaß beim reflektieren und ich würde mich freuen, von deinen Erfahrungen mit Übergängen zu lesen. Vielleicht hast du ja noch weitere Tipps oder Ideen für mich und die anderen Leserinnen, dann berichte gerne in den Kommentaren davon.

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Wie du Übergänge liebevoll begleitest und dadurch Wutanfälle vermeidest
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