In diesem Gastartikel erzählt Jessica von ihrem Wochenbett und warum Selbstbestimmung auch gerade für diese Zeit so wichtig ist. Macht euch unbedingt schon vorher Gedanken darüber, was ihr euch für die ersten Wochen mit Baby wünscht und was nicht. Und dann tretet für eure Wünsche im Wochenbett ein! Der Artikel ist Teil meiner Serie „Erzählcafé: Bindungsorientiertes Familienleben“, in der verschiedene Mamas aus ihrem Leben berichten und damit wertvolle Impulse für andere Eltern geben. Wenn auch du einen Beitrag für diese Rubrik schreiben möchtest, melde dich gerne bei mir.

Die bisher erschienenen Artikel dieser Reihe sind:

wochenbett

Ich bin Jessica, 33 Jahre alt und lebe mit meinem Mann, unserer Tochter und unserer Hündin in unserem gemütlichen Häuschen im Saarland. Ich liebe es Yoga zu üben und zu unterrichten, bin leidenschaftlich Ergotherapeutin und würde mich als sehr kreativ – in vielen Bereichen – bezeichnen. Mein Herz gehört unserer kleinen Familie und daneben auch der Natur, der Persönlichkeitsentwicklung und der Spiritualität. Für die Zukunft wünsche ich mir noch mehr Selbstbestimmung auch auf beruflicher Ebene – es bleibt spannend für uns!

Unsere Gedanken zum Wochenbett

Nach einer selbstbestimmten Schwangerschaft und unserer bevorstehenden Hausgeburt sollte auch unser Wochenbett nicht in die Hände des Zufalls und auch schon gar nicht in die Hände erwartungsvoller Mitmenschen gelegt werden. Der Plan war also, schon in der Schwangerschaft freundlich und dennoch bestimmt, Familie und Freunde darum zu bitten, uns Zeit zu geben. Erst einmal als Familie ankommen zu dürfen, das war uns sehr wichtig! Teils sind wir auf Unverständnis gestoßen, schließlich wolle ja jeder Einzelne nur mal kurz vorbeikucken… Wir mussten unser Bedürfnis über die Erwartungen von Freunden und auch von der Familie stellen. Das kann eine Herausforderung sein! Andererseits wurde uns aber auch Verständnis entgegengebracht, sowie Zuspruch und tolle Angebote zur Unterstützung!

Dass die dennoch daraus entstandenen kleinen Auseinandersetzungen die Probe fürs selbstbestimmte Wochenbett werden sollten, wussten wir damals noch nicht…

Die Nachsorgehebamme machte im Wochenbett Druck

Unsere Tochter war da, in Liebe und friedlicher Umgebung zu Hause geboren- völlig selbstbestimmt; die ersten Tage vergingen – ruhig, entspannt und magisch, ohne Erwartungen vom Außen! Doch dann kam der 14. Lebenstag. Unsere Tochter hatte ihr Geburtsgewicht noch nicht zurück, was laut Hebamme aber so sein müsse. Wir empfanden keinen Grund zur Sorge und der Maus ging es prima! Kräftig und wach, komplett unauffällig. Während das Gewicht nur langsam stieg, wurde auf uns vermehrt Druck ausgeübt. Die Nachsorgehebamme wurde sehr von Angst geleitet und so begann für uns eine Zeit, in der wir um unsere Selbstbestimmung kämpfen mussten!

In einem riesigen Stress sollten wir sofort eine elektrische Milchpumpe besorgen, diese (natürlichen!) Mittel, zum Essen für mich das und das… Sie wollte, dass wir Pre-Nahrung zufüttern und konnte wenig Verständnis dafür aufbringen, dass wir dafür keine Notwendigkeit sahen und das nicht einfach so tun wollten, ist doch jeder Mensch individuell und nicht nach Lehrbuch in seiner Entwicklung. Sie bat uns, zum Kinderarzt zu gehen, sodass dieser ihr die Verantwortung abnehmen solle und unsere Entscheidung mitverantworten solle. Wir stimmten natürlich zu und vereinbarten einen Termin. Im Nachhinein hat sie berichtet, dass auch sie den Arzt kontaktiert hätte. Da war ein Punkt für meinen Mann und mich erreicht, den wir nicht nachvollziehen konnten und der uns einerseits wütend gemacht hat und andererseits auch verletzt hat.

Zeit für ein klärendes Gespräch

Im Anschluss daran hatten wir beim nächsten Besuch der Hebamme ein klärendes Gespräch, sie bot an uns eine Kollegin für den Rest der Nachsorge zu schicken. Ob das was gebracht hätte, eine dritte Meinung, nochmal eine andere Sichtweise… Wir erklärten ihr wie sich das für uns angefühlt hat, das wir nach der selbstbestimmten Geburt und im Wissen nichts falsches zu tun diese Art von Übergriff nicht erwartet hatten und uns erhoffen für die Zukunft in solche Aktionen mit eingebunden zu werden. Es sollte nichts ohne unser Wissen passieren, wenn es um unsere Tochter ginge.

Die Situation war für den Moment bereinigt, dennoch hatte sich die Ebene der Beziehung verändert – da war keine Tiefe mehr. Für alle Beteiligten war das in Ordnung. Insgesamt hat uns vor allem die Art und Weise wie, viel Kraft gekostet und hatte auch einen Teil der Magie vorerst mitgenommen. Im Nachhinein kann ich mir auch vorstellen, dass unserer Hebamme so viel Selbstbestimmung nicht händeln konnte und ich bin mir auch sicher, dass sie mit ihrem Tun niemandem schaden wollte.

Wir durften lernen, uns für unsere Wünsche im Wochenbett stark zu machen

Jedenfalls wurde versucht, uns Entscheidungen aufzuzwingen, gegen die wir uns nur adäquat durchsetzen konnten, weil wir uns auf unser Gefühl verlassen haben und weil wir auch das Wochenbett nicht dem Zufall überließen, sondern es so gut wie möglich vorbereitet hatten! Im Geburtscoaching haben wir lernen dürfen uns stark für unsere Wünsche zu machen und stark für unsere Entscheidungen als Eltern! Wir haben uns erstmal erfolgreich dagegen gesetzt, die Angst der Hebamme zu unserer eigenen werden zu lassen. Wir haben ganz klar kommuniziert was wir wollen und eben auch was nicht! Außerdem haben wir uns unseren Kinderarzt (den wir auch mit viel Bedacht ausgewählt haben) ins Boot genommen und durch ihn eine wunderbare Unterstützung erfahren! Er gab uns die Bestätigung, unser Baby war ausreichend versorgt und wirklich quietschfidel!

Ja, es gab Momente in denen Verunsicherung aufkam, aber wir haben uns zu jederzeit auf unser Bauchgefühl verlassen können und haben nicht einfach „blind gehorcht“. Als Momente kamen, in denen wir als Mama und Papa das Gefühl hatten, OK unser Baby scheint jetzt noch etwas Milch zu brauchen, ich hatte aber keine Muttermilch mehr, waren wir natürlich bereit, ihr auch Pre-Nahrung anzubieten. Glücklicherweise belief sich das auf wenige Milliliter an drei Tagen. Wir wollen zufüttern auch nicht generell verteufeln, aus unserer Erfahrung heraus kann das Zufüttern allerdings in einem Teufelskreis enden – und den wollten wir nicht betreten.

Heute, nach fast 8 Monaten stillen wir immer noch. Natürlich sind mittlerweile auch bereits die ersten Erfahrungen mit Lebensmitteln hinzugekommen! Wir sind jedenfalls so glücklich darüber, 6 Monate voll gestillt zu haben!

Vertraut eurer eigenen Stimme!

Ich kenne viele Frauen, bei denen diese Fremdbestimmung im sensiblen Wochenbett dazu geführt hat, dass das Stillen schnell erledigt war, bzw. voll zu stillen nie möglich wurde. Es gibt mit Sicherheit noch andere Faktoren, die im Wochenbett für Unruhe sorgen können und darum kann ich allen werdenden Eltern nur ans Herz legen, sich auch auf die Zeit nach der Geburt bestmöglich vorzubereiten. Erlaubt Euch, diese Zeit so zu gestalten wie es euch gut tut, erlaubt Euch, Ressourcen aufzubauen, Euch verwöhnen zu lassen, Euch selbst zu verwöhnen und gebt Euch vor allen Dingen Zeit! Macht Euch darüber bewusst, was ihr möchtet und sucht euch Unterstützung raus, die dem entspricht! Jeder Arzt, jede Hebamme etc. macht ganz sicher gute Arbeit – wichtig ist einfach, dass man den Weg zum Ziel gemeinsam gehen kann; denn es gibt so viele Wege! Es gilt zu vertrauen und sich die eigene Stimme immer wahren zu dürfen!

Vielen Dank für diesen schönen Gastartikel, liebe Jessica!
Wie hast du euer Wochenbett erlebt? War es so, wie ihr es euch gewünscht habt? Oder war es für euch schwierig, eure Wünsche klar zu kommunizieren oder durchzusetzen? Habt ihr Unterstützung bekommen? Erzähl gerne in den Kommentaren davon, wenn du magst.

Selbstbestimmtes Wochenbett | Erzählcafé: Bindungsorientiertes Familienleben Teil 6
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