Als im Frühjahr 2020 mit dem ersten Corona Lockdown die Kitas und Kindergärten schlossen, waren mit einem Mal zahlreiche Familien gezwungenermaßen kindergartenfrei. Für viele war es eine Herausforderung die Kinder den ganzen Tag um sich zu haben und für diejenigen, die gleichzeitig im Homeoffice arbeiten mussten, war die die Belastung natürlich besonders groß. Heute, ein Jahr später, hat sich die Situation nicht groß geändert und viele Familien gehen immer noch auf dem Zahnfleisch. Wir haben Corona alle satt und wünschen uns die Normalität zurück, das ist klar. Doch heute möchte ich mal ein paar Mütter zu Wort kommen lassen, für die der Lockdown auch positive Veränderungen gebracht hat. Denn ja, die gab und gibt es auch, auch wenn sie sich viele bei all den schlechten Nachrichten nicht trauen, von den positiven Aspekten, die Corona mit sich bringt, zu erzählen.

Ich weiß selbst noch, wie ich diese ruhigere Zeit eigentlich total genossen habe, im Frühling 2020. Wir haben viel gemeinsam als Familie im Garten gewerkelt, waren stundenlang im Wald oder am Bach… doch ich wagte kaum es auszusprechen, wo scheinbar überall nur gejammert wurde. Deshalb habe ich heute ein paar andere, positive Impulse für euch: Vier Mütter erzählen, wie sie durch den Lockdown zu ihrem eigenen Familienrhythmus gefunden haben und beschlossen haben, ihre Kinder auch zukünftig selbst zu betreuen.

Kinder selbst betreuen, auch nach dem Lockdown

Julia – Statt Tagesmutter jetzt gemeinsame Familienzeit

Wir leben mit unseren beiden Kindern (2 Jahre und 7 Monate) in Weinheim. Unsere Tochter ist hochsensibel und gefühlsstark, was Trennungen und grobe Einschnitte immer sehr anstrengend macht. Sie ging dennoch relativ zufrieden seit ihrem 15. Lebensmonat zu einer Tagesmutter. Die Tagesmutter hat ein tolles, naturnahes Konzept. Die Kinder sind – abgesehen von Unwettern – fast immer draußen, erkunden Wald und Feld oder versorgen die Tiere auf dem bauernhofähnlichen Grundstück. Alles in allem eine wundervolle Atmosphäre.

Unsere Tochter war dort auf den ersten Blick ausgeglichen und zufrieden, jedoch war sie zu Hause oft gereizt, bekam heftigste Wutanfälle oder Weinkrämpfe aus dem Nichts. Wir dachten, es läge einfach am Alter und es würde sich mit der Zeit legen. Also war unser ursprünglicher Plan, auch unseren Sohn ab April/Mai dort einzugewöhnen.

Nun hat der lange Lockdown jedoch zu anderen Optionen und Notwendigkeiten geführt. Zuerst das Offensichtliche: Als Selbstständige hat uns der Lockdown auch wirtschaftlich sehr hart getroffen (wie so viele andere auch). Unsere Tagesmutter gehört zur hochpreisigen Gruppe mit einer stattlichen Zuzahlung. Das ist durch die wirtschaftlichen Einschnitte nun leider nicht mehr so einfach finanzierbar für uns.

Abgesehen davon, hat sich während der intensiven Zeit zu Hause in den letzten Monaten auch gezeigt, dass unsere Tochter überhaupt nicht mehr zu ihrer Tagesmutter gehen möchte. Sie genießt die Zeit mit mir und ihrem kleinen Bruder zu Hause in vollen Zügen. Obwohl wir nichts Weltbewegendes unternehmen, keine großen Bastelaktionen oder sonstige „Events“ veranstalten, von denen man immer meint, Kinder bräuchten sie zum Glücklichsein, ist sie zufriedener und ausgeglichener als je zuvor.

Wir stehen morgens auf, wenn wir ausgeschlafen sind und nicht, wenn der Wecker uns aus dem Schlaf reißt, weil wir pünktlich bei der Tagesmutter sein müssen. Wir gehen vormittags und nachmittags in den Wald oder ins Feld spazieren, wenn mein kleiner Sohn schlafen möchte. Dazwischen spielen wir, kochen und backen zusammen oder meine Tochter hilft mir ein wenig im Haushalt. Wir haben einen stabilen Tagesrhythmus entwickelt, der unserer hochsensiblen Tochter einen Rahmen gibt, innerhalb dessen sie sich frei entfalten kann. Und ihr kleiner Bruder freut sich riesig über die tägliche Anwesenheit seiner Schwester.

Das finale Schlüsselerlebnis war dann letztendlich ein kurzer Besuch bei der Tagesmutter vor etwa 2 Wochen. Meine Tochter zitterte und weinte bitterlich, weil sie befürchtete, sie müsse dort bleiben. Das hat mir beinahe das Herz gebrochen und ich habe mich dazu entschlossen, dass sie auch nach dem Lockdown gemeinsam mit ihrem Bruder zuhause bleibt.

Ich hoffe, dass ich, sobald die Kontaktbeschränkungen wieder gelockert werden, mit meinen Spielgruppen wieder starten kann, sodass der Kontakt zu anderen Kindern regelmäßig auch ohne Kita-Besuch gewährleistet wird.

Wie lange wir kitafrei sein werden, kann ich noch nicht sagen. Das hängt ganz davon ab, wie sich die Bedürfnisse unserer Kinder im Laufe der Zeit entwickeln. Momentan genießen wir jedoch jeden gemeinsamen Moment.

Julia Brandt bietet mit ihrer Initiative „Elternschule Herzkind“ Beratungen und Eltern-Kind-Kurse in Weinheim an.

Susi – Mein Mann und ich arbeiten jetzt beide Teilzeit, sodass wir die Zwillinge zu Hause betreuen können

Wir leben kitafrei seit Frühjahr 2020. Der 1. Corona-Lockdown hat unser Familienleben komplett umgekrempelt. Niemals wollte ich eine Mutter sein, die ihre Kinder zu Hause betreut. Jetzt bin ich es – wenn auch nicht im klassischen Rollenbild. Mein Mann und ich arbeiten beide Teilzeit, unsere Zwillinge (knapp 3 Jahre) betreuen wir zu Hause. Für uns alle passt das wunderbar so.

Ohne Corona wäre es anders gekommen. Mit 16 Monaten haben wir die Kinder bei einer tollen Tagesmutter eingewöhnt. Und dort wären sie auch geblieben, wäre nicht kurz vor ihrem zweiten Geburtstag eine Pandemie ausgebrochen.

Im Lockdown haben wir gemerkt: Die Zwillinge fühlen sich wohler zu Hause. Sie brauchen den Kita-Trubel nicht, haben die anderen Kinder nicht vermisst. Zu Hause waren sie entspannter und konnten mehr in ihrem eigenen Rhythmus leben – beispielsweise morgens länger schlafen (sie sind Nachteulen) und öfter den Mittagsschlaf weglassen. Und sie fanden es toll, in unsere Alltagsaufgaben eingebunden zu werden und jeden Tag gemeinsam mit uns Eltern zu kochen – als sie noch zur Tagesmutter gingen, haben wir so etwas nur selten gemacht.

Gleichzeitig wurde der Alltag für uns Eltern zwar nicht einfacher, aber berechenbarer. Denn während unsere Kinder in Betreuung waren, mussten wir ständig spontan umplanen, weil eins der Kinder krank wurde oder die Tagesmutter ausfiel. Das ging an die Substanz – und uns war klar, dass das mit Corona nicht besser wird. Dass die Kinder mit jedem Husten nach Hause geschickt werden. Oder ein zweiter Lockdown kommt. Die Angst vor Ansteckung kam noch hinzu.

Also haben wir die Betreuungsplätze gekündigt und organisieren uns kitafrei. Wir haben unsere Arbeitszeit reduziert, sodass wir zusammengerechnet etwa 40 Stunden pro Woche arbeiten. Finanziell stünden wir besser da, wenn nur mein Mann arbeiten würde, doch das ist für uns keine Option. Mein Mann wäre in der alleinigen Ernährerrolle ebenso unglücklich, wie ich als Hausfrau. Wir brauchen beide eine gute Balance zwischen Erwerbsarbeit und Familie.

Natürlich ist es oft hart, sich fast 24/7 selbst um die Kinder zu kümmern. Natürlich wünsche mir öfter Zeit für mich allein oder mit meinem Partner. Eine verlässliche Betreuung wäre noch immer eine Entlastung für uns. Aber eine verlässliche Betreuung gibt es momentan nicht, nicht in Corona-Zeiten. Die Kinder selbst zu betreuen ist für uns deutlich besser, als mit der ständigen Angst vor Ansteckung zu leben.

Kitafrei war nicht geplant – doch in der aktuellen Zeit ist es perfekt für uns.

Wenn du mehr aus Susis Alltag lesen möchtest, findest du sie auf Instragem als @zwillma.

Caro – Dank Corona hatten wir den Mut, neue Wege zu gehen

Vor dem Lockdown waren fünf meiner Kinder in der Schule und zwei von ihnen für 3 Stunden im Kindergarten. Ich war im Erziehungsurlaub und mein Mann arbeitete als Lehrer und als Kantor.

Eigentlich wollte ich meine Kinder schon länger aus dem Kindergarten nehmen, weil ich finde sie entwickeln sich zu Hause individueller und sie können ihre eigenen Interessen besser ausleben. Sie gingen regelmäßig zum Sport und in den Kindergottesdienst, deswegen machte ich mir keine Sorgen um ihre soziale Bindung außerhalb der Familie.

Doch ich hatte mich nicht getraut, meine Kinder aus der Kita zunehmen, weil ich dort als Erzieherin angestellt bin. Also war die Auszeit jetzt durch Corona gut für uns, um mutig zu sein, neue Wege zu gehen.

Und wir genießen es. Es wird auch definitiv so bleiben. So, lange wir es für richtig halten bzw. so lange die Kinder den Wunsch nicht äußern, in einen Kindergarten zu gehen, bleiben sie zu Hause.

Sie sind viel weniger gestresst da das morgendliche zur Kita gehen, anziehen, ausziehen usw. wegfällt. Sie spielen ruhiger, essen besser als im Kindergarten und gehen ihren eigenen Interessen nach.

Sam – Unser ganzer Alltag hat sich entspannt

Meine Tochter ist seit sie 2,5 Jahre alt war, immer in die Kita gegangen. Es war immer sehr stressig morgens, das Aufstehen, frühstücken, startklar machen, pünktlich sein … und abends rechtzeitig ins Bett gehen, damit sie morgens nicht zu müde ist. Das hat alles nie gut zu ihren eigenen Rhythmus gepasst.

Beispielsweise hatte sie nie Hunger morgens, da es aber in der Kita kein Frühstück gab, „musste“ sie was im Magen haben, um dort bis zum Mittag durchzuhalten.

Außerdem war das „Abgeben“ in der Kita auch immer schlimm, weil meine Tochter einfach nicht dort bleiben wollte – ich aber keine andere Möglichkeit hatte, wegen meines Jobs.

Glücklicherweise habe ich aus gesundheitlichen Gründen meine Arbeitszeit reduzieren müssen, so dass als der erste Lockdown kam, es ganz gut funktionierte mit dem Homeoffice. Ich musste nur vormittags arbeiten und meine Tochter hat sich recht schnell dran gewöhnt, dass sie vormittags eben mit dem Tablet spielt, Filme guckt, alleine spielt.

Sie war insgesamt viel glücklicher, dass sie zu Hause bleiben durfte. Unser ganzer Alltag hat sich entspannt. Morgens müssen wir nicht hetzen, Abends gibt es keinen Druck früh ins Bett zu gehen.

Ich habe glücklicherweise einen sehr entgegenkommenden Arbeitgeber und konnte seit dem ersten Lockdown im Homeoffice bleiben und zu Besprechungen zur Not meine Tochter mitbringen.

Daher habe ich beschlossen, sie aus der Kita zu nehmen, bis sie im Sommer 2021 in die Schule kommt. Ich muss aber auch sagen, dass es bei uns gut klappt, weil ich eben nur wenig arbeiten muss. Ich glaube Vollzeit oder 30 Stunden kitafrei mit Homeoffice würde ich nicht hinkriegen.

Aber so ist es sehr schön, noch mal ein Jahr „Freiheit“ zu haben, bevor meine Tochter in die Schule kommt – ohne frühes Aufstehen und meiner Tochter zu ermöglichen ihren eigenen Rhythmus zu leben.

Ach so, so als Hintergrund: Meine Tochter war gerade 5 geworden, als der erste Lockdown startete und sie nicht mehr in die Kita gehen musste. Jetzt ist sie 6. Ich lebe mit ihr alleine.

Und jetzt erzähl doch mal, wie geht es dir?

Ich hoffe, der Artikel konnte dir ein paar wertvolle Impulse für dich mitgeben. Wie hat sich die aktuelle Situation in deiner Familie entwickelt? Seid ihr froh, wenn die Kindergärten offen sind oder ist der Alltag ohne, für euch auch entspannter? Oder habt ihr die Kinder sowieso schon vorher selbstbetreut? Nimmst du bei Familien aus deinem Umfeld Veränderungen wahr, durch den Lockdown? Sind auch positive Beobachtungen dabei? Ich würde mich sehr freuen, wenn du in den Kommentaren davon berichten magst.

Weitere Artikel zum Thema Selbstbetreuung und Kindergartenfrei findest du unter dem Artikel verlinkt.

Warum wir unsere Kinder auch nach dem Lockdown selbst betreuen – 4 Mütter berichten
Markiert in:     

4 Kommentare zu „Warum wir unsere Kinder auch nach dem Lockdown selbst betreuen – 4 Mütter berichten

  • 2021-04-01 um 21:14
    Permalink

    Hier wir auch 🙂 ich habe vier Kinder und keins war bis jetzt gerne im kiga. Ich fand die Ferien immer toll und war danach auch selber immer traurig wenn die Kinder wieder gehen mussten. Dagegen getan habe ich nichts. Man schwimmt mit dem Strom und es ist ja normal und wird so erwartet…

    Die Wendung, wie auch mit ein paar anderen privaten Dingen, kam mit Corona. Meine Kleinste hatte im Februar 2020 Eingewöhnung und dann kam der erste Lockdown. Daheim waren sie bis September (Kind 3 kommt dieses Jahr in die Schule). Danach war wieder eine Eingewöhnung, danach war sie krank, dann kam ein Coronafall und ich lies sie daheim. Im November ging sie wieder und Anfang Dezember musste sie Und ihr Bruder in Quarantäne. Sie hat die Zeit im Kindergarten ganz schlecht vertragen. Sie bekam Verstopfung durch den Stress und war, wie alle meine Kinder, nachmittags schlecht gelaunt, unausgeglichen und weinte viel.

    Wir haben das letzte Jahr zuhause so sehr genossen. Eigentlich sollte ich wieder in unserer Firma aushelfen, aber auch da haben wir eine Lösung gefunden und ich kann daheim bei den Kindern sein 🙂

    Mein Sohn der dieses Jahr in die Schule kommt, ist auch ganz froh das er zuhause bleiben darf. Er vermisst nichts, hat trotzdem die Nachbarskinder zum spielen und das ist ok für ihn. Auf die Schulanfängertage die zweimal pro Woche sind hat er auch keine Lust. Im Gegenzug freut er sich sehr auf die Schule, interessiert sich für die Lehrer (Kind 2 ist 3. klasse) und ist sehr interessiert was wohl mal sein Klassenzimmer wird und was generell passiert. Die Tage würde er am liebsten auch schon zählen. Also einen Kindergarten zur Vorbereitung auf die Schule brauchen wir nicht 🙂

    Uns gehts super so. Wir behalten es auch weiter so bei.

    Antworten
  • 2021-04-14 um 18:12
    Permalink

    Mir geht es auch so. Ich hatte Sorge vor dem 1. Lockdown, wie es wohl sein würde beide kInder zuhause zu haben. Ich hatte meine Große (5) schon immer einen Tag in der Woche zuhause gelassen, weil ich irgendwie dachte, na ja bin mit der Kleinen ja eh zuhause, aber so richtig entspannt fand ich es nie und nun 24/7? Und dann kam der Lockdown und meine Große war plötzlich tiefenentspannt, sie konnte warten, wenn ich mich um die Kleine kümmerte, sie blieb plötzlich auch mal allein in ihrem Zimmer und vieles mehr, was ich mir so gar nicht vorstellen konnte. Nach dem ersten Lockdown hatte ich dann auch den Mut über eine Rückstellung von der Schule nachzudenken, mit den Erziehern darüber zu sprechen, und diese auch umzusetzen. Nun wird mein Kind erst 2022 eingeschult. Einfach weil ich der festen Überzeugung bin, dass es ihr emotional gut tut. Nach dem ersten Lockdown ist sie wieder in die Kita gegangen, allerdings nur an 2-3 Tagen in der Woche. Da konnte ich mir einen richtigen Abschied noch nicht vorstellen. Seit Dezember geht sie nun gar nicht mehr. Ich möchte das auch weiter so machen. Allerdings bin ich mir bei ihr noch unsicher, wie der Abschied dann konkret aussehen soll, sie wollte immer so gern ein Vorschulkind sein. Schauen wir mal. Wir treffen uns auch weiterhin mit Kindern aus der Kita, doch bin ich noch auf der Suche nach kittfrei lebenden Familien. Bei der Kleinen war ich von Anfang an klar, dass sie frühestens mit 3 in die Kita kommt, inzwischen denke ich, dass es auch reicht, wenn sie mit 6 oder besser 7 in die Schule kommt. Nun brauche ich nur die passende Arbeit dafür bzw. mein Mann und ich eine andere Aufgabenverteilung. Corona hat echt viel Beschwerliches mit sich gebracht aber die stärkere Nähe und Verbundenheit zu meiner Großen mag ich nicht mehr missen:)

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.